Archive for the ‘Kolumne’ Category

Gibt es Weihnachten noch?

Sonntag, Dezember 23rd, 2007

Es war genau vor zwei Jahren. Die Temperaturen waren winterlich kühl für Indien geworden, doch für uns Europäer fühlte es sich wie ein milder Herbst an.

Die Kinder von Project Why hatten einen Wunsch. Ein wenig Geld war auf dem Konto dieser wunderbaren Organisation eingegangen, mit dem Hinweis, ihnen diesen zu erfüllen. Es sollte ein Fest geben, ein bescheidendes, aber ein Fest. Musik sollte gespielt werden, um zu tanzen und zu träumen.

Wir kamen in einen Saal der mit viel Liebe zu einer Partylocation umgestaltet wurde. Die kleine Lichtorgel flackerte, Kinder und Jugendliche bewegten sich zu den dröhnenden Klängen aus der schepprigen Musikanlage. Ich schaute auf die leeren Tische, wo noch vor kurzem Honigbrot und anderes Süßgebäck stand.

Mit einer Rikshah fuhren wir in jeden Laden der noch indisches Honigbrot hatte und kauften dann sämtliche Regale leer. Die Rikshah war voll beladen. Wieder angekommen verteilten wir alles. Es gab kein Gedränge, kein Geschupse. Jedes Kind nahm sich ein Stück, oder auch zwei, und aß es zufrieden. Am Ende waren noch ein paar wenige Stücke übrig, alle Kinder waren wohl satt geworden.

Gibt es Weihnachten noch? Ja, es gibt Weihnachten!

Es ist die Zeit im Jahr, wo man zu dem Menschen werden kann, der man immer sein wollte.

Frohe Weihnacht

Gedanken zum Wochenende

Samstag, November 10th, 2007

Ich habe gerade in der Bhagavad Gita,
einer der zentralen Texte des Hinduismus,
einen schönen Gedanken gefunden, den ich mit Euch teilen möchte:

Man muß sich selbst durch das Selbst emporheben
und darf sich nicht selbst herabsinken lassen.
Denn das Selbst allein kann einem selbst Freund sein,
und man selbst allein kann sich selbst Feind sein.

Wer sich selbst durch das Selbst überwunden hat,
ist zu seinem eigenen Freund geworden.
Wer sich aber nicht selbst überwunden hat,
ist in Feindschaft mit sich selbst, wie ein Feind.

Wer sich selbst überwunden und befriedet hat.
ist im Höchsten Selbst gesammelt,
in Kälte und Hitze, in Lust und Leid,
in Ehre und Unehre.

Bücher sind wie Freunde

Samstag, November 10th, 2007

Habe gerade im Magazin der Süddeutschen Zeitung eine Geschichte über den Geruch von Büchern gelesen. Es immer wieder schön, wenn man merkt, dass man nicht alleine mit seinen merkwürdigen Empfindungen ist, denn auch ich liebe den Geruch von Büchern! Die Neuen mit dem flüchtigen toluolhaltigen Dämpfen (Schnüffelkind, aahh, herrlich). Dann gibt es die Mittelalten, die duften eigentlich nach gar nichts. Auch wenn man seine Nase ganz dicht an die Seiten heftet, kommt nichts außer ganz leichtem Holzdampf.

Am besten sind natürlich die alten Schätze, die jahrelangen, jahrzehntelangen Freunde. Ward Ihr schon mal in einem richtigen Antiquariat? Da haut es einen manchmal fast um. In der Schellingstraße in München, gibt es einen wunderbaren Laden. Hier ist die Luft durchtränkt von vielen Tausend Bänden gewichtiger Bücher. Sie atmen, unterhalten sich, schmunzeln über das Leben.

Ich habe auch ein paar ältere Exemplare in meiner Sammlung. Man kann erkennen, dass ich sie oft gelesen, mit ihnen Nächte durchwacht habe. An manchen kleben auch Reste meiner Existenz, ob nun als Eselsohren, oder als Kaffeefleck.

Man hat mit ihnen sein Leben geteilt, gelacht, geweint, gestöhnt, geflucht, geliebt.

Gedanken über einen Hörsturz oder ein offener Brief an mein linkes Ohr

Freitag, November 2nd, 2007

So, dass hast du jetzt davon willst du mir sagen, oder? Ich gehe in den Streik genau wie die GDL. OK, macht das, aber vergiss dabei nicht, dass wir ein Team sind.

Vor fast 3 Wochen hatte ich einen Hörsturz, mein linkes Ohr hatte sich einfach abgemeldet. Infusionen, Kortison, das ganze Programm. Irgendwann hat das linke wieder Informationen weitergeleitet, nicht das ich unbedingt alles wieder genauso laut hören wollte wie früher, aber das ist ja schließlich das Ziel der Behandlung. Hören, Hören, den ganzen Tag lang.

Jetzt ärgert mich mein Ohr mit Geräuschen. Für die Ü35 Generation ist der TV-Testton noch ein Begriff, Piiiiiiiiiiiiiiep, so macht es die ganze Zeit. Eine reine Sinustonschwingung für die Techniker unter Euch Lesern. Ergebnis: Erst taub und dann ein akustisches Sperrfeuer.

Vielleicht verstehe ich mein Ohr ja richtig: Der Lärm der Welt ist gar nicht so wichtig. Höre nach innen, da wird es spannend. OK, macht Sinn, warum hast Du das nicht gleich gesagt.

Wie heißt es so schön in dem Song an dem ich gerade arbeite:
„Come to the silence“

Inder in Mügeln

Freitag, August 24th, 2007

Schon meinem Namen bin ich es schuldig, etwas über die Ereignisse in Mügeln zu schreiben. Dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft und Hautfarbe durch Straßen gehetzt, verprügelt und getreten werden, ist sehr beschämend. Ob dies nun in München, Mügeln, Oslo oder Paris passiert, spielt für mich erstmal keine so große Rolle. In einer modernen, pluralistischen Gesellschaft ist es leider unvermeidbar, dass es an den Rändern Bürger gibt, die sich in extremen politischen Parteien, oder einfach nur in dumpfen Krawallgangs wieder finden. Ich will damit diese widerwärtigen rechten Schläger bestimmt nicht banalisieren, aber das ist der Preis der Demokratie.

Die Aufgabe den Rest der Gesellschaft vor den strafrechtlich relevanten Aktionen dieser Gruppierungen zu schützen, übernimmt der Rechtsstaat und in diesem Fall die Polizei. Wenn diese versagt, gibt es Probleme. Vielleicht waren die Beamten an diesem Abend auch einfach nur von der eskalierten Situation überrascht und überfordert. Das ist schon möglich.

Doch der Skandal von Mügeln liegt für mich nicht in den Fehlern und Versäumnissen, die sind oft strukturell bedingt, oder einfach nur menschlich. Die Schande ist die fehlende Kultur Verantwortung zu übernehmen! Hat sich jemand der Verantwortlichen, oder der Politiker schon mal zur Presse gewendet und zugegeben: „Es tut mir aufrichtig leid.“ , oder „Ich übernehme die volle Verantwortung.“ ? Darüber hinaus wäre es ein menschliche Tugend gewesen, sich an die Opfer zu wenden und zu sagen: „ Es tut mir leid, ich bitte um Verzeihung.“ Wie wäre es mal damit, anstatt sich gegenseitig immer wieder aus der Verantwortung zu winden?

Gestern habe ich im Internet gesehen, wie sich der Präsident der taiwanesischen Airline für seine in Japan verunglückte Maschine entschuldigte. Er verneigte sich tief vor den unzähligen Reportern, und bat dann aufrichtig um Entschuldigung. Nicht nur für die eigentlichen Opfer, sondern auch für alle Luftfahrtreisenden in Japan, denen er durch seine Fehler Sorgen bereitet hat. Erstaunlich, das finde ich auch.

Unter Toleranz verstehe ich auch, einmal zu schauen wie andere Länder, andere Kulturkreise mit Krisen und Katastrophen umgehen. Nicht nur in Europa, auch in Japan, Taiwan oder in Indien.

Was heißt eigentlich spießig? Teil I

Sonntag, August 12th, 2007

Wirklich, ich bin kein Mensch, der sich einbildet, nur deshalb die Welt besser zu begreifen, weil er statt nur der BILD Zeitung auch Spiegel-Online, CNN, SZ, New York Times und ähnliches liest. Ich bin der so genannten Realität, der unendlich komplexen Welt, vielleicht ein paar Millimeter näher, nicht mehr. Kein Grund sich überlegen zu fühlen. Doch auch schon hier, bei der unter die Achsel geklemmten BILD und der Brötchentüte in der anderen Hand taucht es auf, das definitorische Schreckgespenst: SPIESSER! Ich will versuchen, mich diesem komplexen Phänomen ein wenig zu nähern, bin mir aber durchaus bewusst, wie schwierig dies sein wird.

Die meisten Menschen haben ein ziemlich genaues Gefühl für das Wort “spießig”, jedenfalls wird es oft und gerne benutzt, dabei sind natürlich immer die Anderen spießig. Ich hatte vor vielen Jahren ein Schlüsselerlebnis bezüglich dieses Wortes. Ich war auf einer Party von Freunden von Freunden. Mein Bild über das Gastgeberehepaar war eher diffus und verschwommen. In der Wohnung, einer Neubausiedlung in Düsseldorf, wurde ausgelassen zu „I will survive“ getanzt und die Stimmung war auf dem Höhepunkt, weil irgendjemand den Grölsong „Wir wollen Möpse sehen“ angestimmt hatte. Die Gastgeberin nahm mich irgendwann zur Seite und fragte mich eindringlich: „Soll ich Dir mal unseren ganzen Stolz zeigen?“ Ich war sehr gespannt und folgte ihr in das voreheliche Schlafzimmer. „Eine 6,30 m lange Schrankwand! Ist sie nicht wunderbar?“

Sie war nicht wunderbar und ich verließ fast augenblicklich die Party. Ich nahm von dieser für mich verunglückten Veranstaltung etwas sehr Wertvolles mit: ein präzises Gefühl von Abgestoßenheit für eine Charaktereigenschaft, die ich damals eindeutig als “spießig” definiert hatte. Aber jetzt frage ich mich, sind denn mein Metallregal und meine farblich abgestimmten Rollcontainer besser und nicht spießig? Sind der fehlende Bausparvertrag und mein Individualtourismus Grund genug behaupten zu dürfen, ich sei nicht spießig?

Versuchen wir es einmal pseudowissenschaftlich:

Nehmen wir einmal eines der besten Symbole deutschen Spießertums: den Gartenzwerg. Eigentlich sollte es keine zwei Meinungen darüber geben, was eine solche Gartenzierde ausdrückt. Um mal den Sozialwissenschaftler raushängen zu lassen, der ich nicht bin, ist der Gartenzwerg ein gesellschaftlich kodiertes Symbol. Ganz so wie das Kreuz ein religiös kodiertes Symbol ist. Das Kreuz ist aber so unendlich viel mehr als zwei unterschiedliche lange Linien oder Balken, die sich im oberen Drittel rechtwinklig kreuzen. Dekodieren kann man dieses Symbol aber nur, wenn man das dazugehörige Wissen hat. Ein Mensch, dem unser Kulturkreis völlig fremd ist, würde im Kreuz tatsächlich nur zwei Balken sehen. Und deshalb ist auch der Gartenzwerg selber nicht spießig, sondern das was wir mit ihm verbinden.

Solche Symbole sind gesellschaftlichen Wandlungsprozessen untergeordnet. Nehmen wir uns mal diese eigentlich häßlichen, karierten Stoffhüte vor. Ihr kennt diese Dinger bestimmt, am Hinterkopf sind die stets nach oben geklappt. Bislang war auch so eine Kopfbedeckung einfach nur, eben, spießig. Dann kommt dieser kleine Justin Timberlake um die Ecke, und macht daraus das coolste Teil der Saison. Also muss man sich davor hüten, Symbole mit ihren Inhalten zu verwechseln. Davon gibt es im Falle von Spießigkeit neben der Schrankwand und Bausparvertrag eine ganze Menge. Eine kleine, subjektive Auswahl:

der gehäkelte Klorollenschutz,
das Bild mit dem röhrenden Hirschen,
die vollständige Sammlung aller Whitney Houston-Alben, natürlich fein säuberlich, alphabetisch geordnet im Plexiglas-CD-Ständer (ich sagte ja, dies ist eine sehr subjektive Auswahl).

Das “Jesus”-Phone

Freitag, August 10th, 2007

Am 29. Juni wurde mit dem Verkauf des ersten Mobiltelefons der Firma Apple, genannt iPhone, in den USA begonnen. Seit der Präsentation und Ankündigung des Verkaufsstarts am 09.01.2007 durch den CEO Steve Jobs („Wir haben das Telefon neu erfunden!“), ist eine beispiellose, globale Anteilnahme in den Medien und bei den Apple Fans in den USA und Europa, die sich selber gelegentlich „Jünger“ nennen, zu verzeichnen. An den Verkaufsständen bildeten sich teilweise schon eine Woche vor dem offiziellen Verkaufsbeginn lange Schlangen. In dieser Atmosphäre von Erwartung, Sehnsucht und Campieren unter freien Himmel (zum Bsp. auch auf der 5th Avenue in Manhattan!), wurden die Begriffe „Jesus Phone“oder „Messias- Phone“ das erste Mal registriert. Wie kommt es zu solchen religiösen Bezeichnungen für etwas so profanes wie ein Telefon?

Kann es sein, dass sich der komplett vernetzte, ständig erreichbare, virtuell zweitdefinierte (Second Life) Mensch des 21. Jahrhundert, nach Erlösung sehnt? Werden wir auch nach 2.000 Jahren Kulturgeschichte von einem Konzept des jüdischen Lebens unter dem Terrorregime des Römischen Reiches beeinflusst? Und wenn, von was soll uns das iPhone erlösen? Von Mangel, Not, Elend, Tod, Sühne, Unheil und Schuld, oder von eher konkreten technischen Unzulänglichkeiten, wie schlechter Netzversorgung, umständlicher Bedienung oder einem viel zu kleinen, unleserlichen Bildschirm?

Welche begriffliche Funktion nimmt Jesus von Nazareth, der Messias, in diesem soziologischen Phänomen ein? Hat das monatelange Warten auf die Manifestation des Messias, in der langen Zeit nach der „Epiphanie“ des iPhones auf der MacWorld am 9.01.2007 zu der religiösen Interpretation des Mobiltelefons geführt? Führte das gemeinschaftliche Wachen vor der „Krippe zu Bethlehem“, in diesem Fall schien der helle Stern über der 5th Avenue in New York, zu einem kollektiven Taumel und zu der Erkenntnis, dass die Zeit des mobil vernetzen Elends endlich ein Ende hat? Generiert der Besitz des exklusiven Telefons dem Käufer eine gesellschaftliche Sonderstellung? Überträgt sich die projizierte Erlöserfunktion auf den stolzen Nutzer des revolutionären Telefons?

Viele Fragen, auf die ich natürlich auch keine Antwort habe. Doch faszinierend bleibt die Tatsache, dass in unserer Gesellschaft der religiösen Pluralität einerseits und wiederbelebten Religiosität im Allgemeinen, kühle und sachliche Objekte der Technik und Kommunikation mit einem Symbol christlich-jüdischer Tradition versehen wird.

25 und schon keine Träume mehr

Freitag, August 10th, 2007

Vor ein paar Tagen fuhr ich mit der Bahn, der Deutschen Bahn!
(Cänk youu for träwelling wis Deutsche Bahn)
Und dort begegnete ich einer sehr jungen Familie:

Sie hatte sich ihr Leben anders vorgestellt. Noch nicht einmal 25 und schon keine Träume mehr. Alles Schöne und Zarte an ihr war längst verflogen, wie Laub nach dem ersten Sturm eines viel zu frühen Herbstes. Was an ihr zog und riss, war dieses Kind. Quengelnd, zerrend, zappelnd, ohne Unterlass an ihren Nerven rüttelnd.

Gegenüber der Vater. Bestimmt sah er auch mal viel besser aus, damals, als sie sich kennen lernten, in der Kantine einer Fabrik oder vielleicht sogar schon auf dem Schulhof einer Realschule. Beide wussten nicht genau wie das mit der Erziehung funktionierte und deshalb hatten sie es irgendwann ganz aufgegeben. Manchmal trafen sich die Blicke des jungen Paares. Stets nur ganz kurz, und dann sah man diesen Vorwurf in den Augen: warum hast Du mir das angetan?

Das Kind konnte viel zu schlecht sprechen, viel zu schlecht, wenn man durch das Äußere auf das Alter schloss. Vielleicht lag es ja auch an diesem Schnuller, der stets im Mund des Kleinen klebte.

Dann musterte die Mutter ihr missratendes Kind, wie Schüler im Kunstunterricht ihr misslungenes Bild betrachteten. Um mit dem Bild ganz neu zu beginnen, war die Stunde schon zu weit fortgeschritten. So blieb einem nichts anderes übrig, als immer weitere Farbschichten auf dem längst verhunzten Malblock aufzutragen, der sich durch die viele feuchte Tusche schon gebogen hatte.

Der schönste Arsch der Welt

Mittwoch, Juni 20th, 2007

Ich schlenderte in der frühlingshaften Innenstadt Münchens herum. Die vielen Außentische der unzähligen Cafés waren belegt mit gut angezogenen Menschen, die man zur gleichen Zeit bestimmt in irgendwelchen wichtigen Büros und Chefetagen vermisste. Ich wollte das Literaturcafé in der Innenstadt schon wieder enttäuscht verlassen. Jetzt klingt das fast so, als ob ich hier Stammgast bin und ich mich hier bei der Lektüre eines intellektuellen Magazins und dem verzehren von überteuertem Kuchen, so richtig als Schriftsteller fühle. Doch an diesem sonnigen Maitag schaute ich mir diesen Laden das erste Mal an. Ich beobachtete die vielen Gäste: gutgelaunte, gebräunte Touristen, Anzugsmenschen mit Sonnenbrillen und Kostümfrauen die Marlboro 100 rauchten. Was jetzt genau „Literatur“ an diesem Café war, ist mir übrigens bis heute nicht so richtig klar geworden. Vielleicht ist es hier so, wie in allen anderen gastronomischen Betrieben, die eine Berufsbezeichnung im Namen tragen. Sachen wie: Modell-Café oder Broker-Lounge. Alle möglichen Menschen, bloß nicht die beschriebene Berufsgruppe verweilt in solchen Läden. Wie schon gesagt, war ich in Gedanke schon wieder fast zu Hause.

Dann sah ich sie, blieb ich stehen und hielt den Atem an. Diese nicht mehr ganz junge Frau, hatte diese unwiderstehliche Mischung aus Eleganz und Verruchtheit, aus Seidenkleid und abgeplatzten, roten Nagellack. Sie schrie unablässig in ihr kleines Handy. Es ging wohl um eine Mitarbeiterin oder Angestellte, die sie in diesem Telefonat mir einer ungeheuren Verachtung strafte. An der rechten Hand führte sie einen kleinen Hund aus. Irgendeine angesagte, modische Kleinhundrasse, deren Name ich nicht kenne, weil ich Hunde nicht ausstehen kann. Und ausführen ist eigentlich auch nicht das richtige Wort, sie zog den kleinen Köter hinter sich her, weil dieser mit dem forschen Schritt seines Frauchens nicht mithalten konnte. So lief diese Frau mit ausladenden Schritten in Richtung Literatur-Café. Madame trug eine sonnengelbe Leinenjacke und ein grob gemustertes Kleid. Als sie dann an mir vorbei ging, sah ich ihn: den schönsten Arsch der Welt!

Ich war völlig hingerissen. Dabei müsst ihr wissen, dass ich nicht so ein ausgeprägter Po-Mensch bin. Es gibt ja Männer, die in der Machotrinität von Arsch, Busen, Beine (Gesicht, was für ein Gesicht?) eben den Arsch an allererste Stelle setzen. So einer bin ich nicht. Doch hier war alles anders. Soll ich ihn beschreiben? Ich versuche es: Ihr Hintern war fest und nicht zu klein. Eine Mischung aus Apfel und Birne. Ein „Apfirnen-Po“ oder ein „Birpfel-Hintern“. Es war nichts anderes, als eine vollendete, lebende Skulptur.

Ohne Nachdenken folgte ich der Frau in gelb. Zielstrebig lief sie zur Treppe, die zum Emporium führte. Ich blieb dich hinter ihr. Ich beobachtete die leichten Schwingungen ihres Prachthinterns, die durch das schnelle Treppensteigen bei ihr ausgelöst wurden. Dann setzte sie sich auf einen Bistrostuhl. Eine Freundin von ihr saß schon am dazugehörigen Tisch. Ich ging unauffällig zum Nebentisch und bemerkte wie sich das Popofleisch ganz sanft an die Sitzfläche des Stuhls anpasste. Sie schlug die Beine übereinander und ich ließ meinen Blick auf ihren leicht gebräunten Waden und einem Teil ihrer Oberschenkel wandern.

In meiner Fantasie sprach ich sie an, schaute lange in ihre wasserblauen Augen und lächelte gewinnend in ihr markantes, stolzes Gesicht. Ich verführte sie im Handumdrehen und wir hatten den ganzen Nachmittag wunderbaren Sex in einem kleinen Hotel. Dabei starrte ich ständig auf die ikonengleiche Schönheit ihres Hinterns. In Gedanken sah ich ihn splitternackt, wie er sich hob und senkte und ich konnte mein Glück kaum glauben.

Nachdem ich meinen Cappuccino hatte kalt werden lassen, bezahlte ich ihn und wollte das Café verlassen. Ein letztes Mal versuchte ich einen Blick meiner Popogöttin zu erheischen. Nichts. Sie hatte mich nicht einmal bemerkt.

Die Banalisierung des coolsten Styles der Welt, oder Abercrombie & Fitch kommt nach Deutschland

Montag, Juni 18th, 2007

Ich weiß noch ganz genau wie es bei meinem „erstes Mal“ war - das erste Mal Abercrombie & Fitch. Es war ein sonniger Nachmittag in der Dadeland Mall, Miami. Ein etwas heruntergekommenes Viertel in der Sonnenstadt am Golf, welches vor allem von Hispaniolas bewohnt wurde. Ich ging damals durch die weitläufigen, vollklimatisierten Gänge dieser Mega-Mall und staunte wie ein kleines Kind im Bonbon-Laden. Irgendwann erreichten wir einen kleinen Shop, meine Freundin nahm mich zur Seite und sprach andächtig: „Das ist der coolste Style der Welt“. Wir traten ein und schafften erst drei Stunden später, beladen mit vier voll gestopften Tüten, wieder aus dem Laden. Das war mein erstes Mal und seitdem bin ich ein großer Fan von „casual luxury“, von T-Shirts die verwaschen, ausgefranst und mit Farbspritzern versehen sind. Von Jacken, Pullovern und Hosen, die so cool sind, dass man manchmal weinen möchte.

A&F haben einen Style entwickelt, den ich als Überrealismus bezeichnen möchte. Ein Beispiel: Die „combat trousers“ von A&F ist viel mehr „combat“ als eine echte Armeehose von den Streitkräfte der USA. Im Sommer vor zwei Jahren, konnte ich mich davon überzeugen. Ein Freund von mir diente im Irak und kam von Bagdad direkt nach Hamburg. Seine Hose sah nicht im entferntesten so armeemäßig aus wie meine von A&F. Sie hatte keine unzähligen Aufsetztaschen, keine abgeplatzten Lederapplikationen und auch keine eingestickten Battalionsbezeichnungen oder ähnlichen, wunderbaren Quatsch. Ein Standard T-Shirt würde auch vom jahrelangen Tragen und unzähligen Waschen nie so schön „geused“ aussehen wie ein neues von A&F. Doch diese schönen Zeiten sind bedroht!

Jahrelang war das Tragen von A&F Klamotten ein untrügliches Zeichen von Coolness und einem guten Draht in die USA. Der Verfall dieser Tatsache begann mit der Eröffnung einer Filiale in London. Auch noch nicht wirklich bedrohlich würde ich sagen, aber immerhin war die gelobte Kleidung jetzt auch in Europa erhältlich. Doch jetzt ist die Katastrophe unabwendbar: A&F kommt nach München! Nicht mehr lange und Friseusen aus Bergedorf, oder wie auch immer ein entsprechender Vorort in München heißt, werden dieses fantastische Modestatement entwerten. Die Massen werden sich den coolsten Style der Welt einverleiben und ihn an unwürdigen Leibern zur Schau stellen. Es ist einfach die Banalisierung von Abercrombie & Fitch. Und spätestens wenn ich so einen ekelhaften Gelfuzzy mit meinem Lieblingsshirt, mit meiner Lieblingshose rumlaufe sehe, werde ich fast den gesamten Inhalt meines Kleiderschranks in Frage stellen müssen. Ihr denkt bestimmt: der Typ hat Probleme. Stimmt! Habe ich auch. :)