Wirklich, ich bin kein Mensch, der sich einbildet, nur deshalb die Welt besser zu begreifen, weil er statt nur der BILD Zeitung auch Spiegel-Online, CNN, SZ, New York Times und ähnliches liest. Ich bin der so genannten Realität, der unendlich komplexen Welt, vielleicht ein paar Millimeter näher, nicht mehr. Kein Grund sich überlegen zu fühlen. Doch auch schon hier, bei der unter die Achsel geklemmten BILD und der Brötchentüte in der anderen Hand taucht es auf, das definitorische Schreckgespenst: SPIESSER! Ich will versuchen, mich diesem komplexen Phänomen ein wenig zu nähern, bin mir aber durchaus bewusst, wie schwierig dies sein wird.
Die meisten Menschen haben ein ziemlich genaues Gefühl für das Wort “spießig”, jedenfalls wird es oft und gerne benutzt, dabei sind natürlich immer die Anderen spießig. Ich hatte vor vielen Jahren ein Schlüsselerlebnis bezüglich dieses Wortes. Ich war auf einer Party von Freunden von Freunden. Mein Bild über das Gastgeberehepaar war eher diffus und verschwommen. In der Wohnung, einer Neubausiedlung in Düsseldorf, wurde ausgelassen zu „I will survive“ getanzt und die Stimmung war auf dem Höhepunkt, weil irgendjemand den Grölsong „Wir wollen Möpse sehen“ angestimmt hatte. Die Gastgeberin nahm mich irgendwann zur Seite und fragte mich eindringlich: „Soll ich Dir mal unseren ganzen Stolz zeigen?“ Ich war sehr gespannt und folgte ihr in das voreheliche Schlafzimmer. „Eine 6,30 m lange Schrankwand! Ist sie nicht wunderbar?“
Sie war nicht wunderbar und ich verließ fast augenblicklich die Party. Ich nahm von dieser für mich verunglückten Veranstaltung etwas sehr Wertvolles mit: ein präzises Gefühl von Abgestoßenheit für eine Charaktereigenschaft, die ich damals eindeutig als “spießig” definiert hatte. Aber jetzt frage ich mich, sind denn mein Metallregal und meine farblich abgestimmten Rollcontainer besser und nicht spießig? Sind der fehlende Bausparvertrag und mein Individualtourismus Grund genug behaupten zu dürfen, ich sei nicht spießig?
Versuchen wir es einmal pseudowissenschaftlich:
Nehmen wir einmal eines der besten Symbole deutschen Spießertums: den Gartenzwerg. Eigentlich sollte es keine zwei Meinungen darüber geben, was eine solche Gartenzierde ausdrückt. Um mal den Sozialwissenschaftler raushängen zu lassen, der ich nicht bin, ist der Gartenzwerg ein gesellschaftlich kodiertes Symbol. Ganz so wie das Kreuz ein religiös kodiertes Symbol ist. Das Kreuz ist aber so unendlich viel mehr als zwei unterschiedliche lange Linien oder Balken, die sich im oberen Drittel rechtwinklig kreuzen. Dekodieren kann man dieses Symbol aber nur, wenn man das dazugehörige Wissen hat. Ein Mensch, dem unser Kulturkreis völlig fremd ist, würde im Kreuz tatsächlich nur zwei Balken sehen. Und deshalb ist auch der Gartenzwerg selber nicht spießig, sondern das was wir mit ihm verbinden.
Solche Symbole sind gesellschaftlichen Wandlungsprozessen untergeordnet. Nehmen wir uns mal diese eigentlich häßlichen, karierten Stoffhüte vor. Ihr kennt diese Dinger bestimmt, am Hinterkopf sind die stets nach oben geklappt. Bislang war auch so eine Kopfbedeckung einfach nur, eben, spießig. Dann kommt dieser kleine Justin Timberlake um die Ecke, und macht daraus das coolste Teil der Saison. Also muss man sich davor hüten, Symbole mit ihren Inhalten zu verwechseln. Davon gibt es im Falle von Spießigkeit neben der Schrankwand und Bausparvertrag eine ganze Menge. Eine kleine, subjektive Auswahl:
der gehäkelte Klorollenschutz,
das Bild mit dem röhrenden Hirschen,
die vollständige Sammlung aller Whitney Houston-Alben, natürlich fein säuberlich, alphabetisch geordnet im Plexiglas-CD-Ständer (ich sagte ja, dies ist eine sehr subjektive Auswahl).