21. Dezember 2007
Mein Herz schlägt und ich kann es hören.
Kennt ihr dieses dumpfe Rascheln aus der Gegend des Brustkorbes?
Meine linke Herzkammer ist viel zu klein, der Arzt sagt es sei O.K.
Mein Herz liegt ruhig im roten Saft, es wird nie aufhören, immer schlagen, für mich, für uns Beide.
Immer schlagen?
Ich hab mal das unglaublich schnelle Klopfen eines Katzenherzes gespürt. Sie war aus dem Fenster gestürzt und nach Stunden fand ich das verängstigte Etwas zwischen Mülltonnen, ganz verschmutzt.
Dann nahm ich es in meine schützenden Arme und da war es: dongdongdongdongdong.
Eine Freundin lag auf meiner Brust, ich fragte sie, ob sie was für So-und-so empfindet: dongdongdongdong.
Ich hatte zuviel getrunken, viel zu viel. Der nächste Tag war schrecklich:
Dongdongdong.
Es gibt Dinge, die man erst beachtet, wenn sie schief laufen.
Posted in Lyrik | No Comments »
11. Dezember 2007
Wir sitzen in unserem klapprigen Kleinwagen und wundern uns, dass wir noch keinen Unfall hatten. Über zwei Stunden haben wir gebraucht um das erste Mal sagen zu können, wir haben die Megametropole Delhi verlassen. Der Verkehr hier draußen ist einfach nur brutal und unmenschlich. Wenn er in der Stadt selbst schon sehr funky ist, gibt es hier nur noch ein Gesetz: das Gesetz von Hollywood!
Hollywood? Ich erkläre es Euch. Die Überlandbusse fahren teilweise mehrer Tage zwischen den weit verstreuten Städten in diesem riesigen Land. Es ist wohl wahnsinnig langweilig, so ein Fahrzeug stundenlang auf den schlecht gebauten Landstraßen zu lenken. Und was macht man wenn einem langweilig ist? Man spielt! Schon zigmal brachten uns daher rasende Überlandbusse zur Vollbremsungen, weil sie einfach auf unserer Spur fuhren! Frontal, mit Licht- und Tonhupe. Und da war es, das aus unzähligen Actionfilmen bekannte „Angsthasen-Spiel“. Die Regeln? Ganz einfach: wer ausweicht hat verloren! Wir, der Kleinwagen und seine drei Insassen, haben verloren, ständig, immer wieder.
Doch es gibt noch einen Film der mir in den Sinn kommt, auf dieser endlosen Tour ins Himalaja Gebirge: „Speed“. Könnte es sein, dass die tausenden Busfahrer auf dieser Strecke in dem Film „Speed“ gefangen sind? Sie können einfach nicht unter der Geschwindigkeit von 80 km/h fahren. Ein geheimer Sprengsatz, eine Bombe, ist an Bord. Hat denn niemand den vielen indischen Busfahrern erzählt, dass es längst eine schlechte Fortsetzung dieses Streifens gibt, und es ohnehin völlig blöd ist, Filmszenen in der Realität nach zu spielen? O.K., es gibt natürlich Ausnahmen. Zum Beispiel Lichtschwertkämpfe im Hausflur oder das Nachmachen der Musik von „Der weiße Hai“ wenn man im Meer schwimmt. Das ist etwas völlig anderes.
Hoffentlich kommen wir sicher in Haridwar an. Meine Freundin schläft, ich beneide sie.
Posted in Reisen | No Comments »
30. November 2007
Als Kind saß ich in einer Märchenbahn
Kleine Wagen, rote Feuerwehrautos, Kutschen mit bunten Rädern
Ich war aufgeregt, legte die Hände an das weiße Rad und lenkte
Du musst genau sein, siehst du die Spur?
Eine Kurve, noch eine, dann wieder eine lange Gerade
Die erste Runde hatte ich geschafft.
Ich freute mich,
ich konnte etwas,
mein Auto blieb immer genau in der Spur
Niemals würde ich meine Hände nur ein wenig lockern,
denn du lenkst, du lenkst!
hoffentlich ist diese Fahrt niemals vorbei
Noch heute sitze ich in dieser Märchenbahn,
traue den Schienen nicht, halte das Lenkrad ganz fest
den Griff mal ein wenig lockern?
niemals
nie
Posted in Lyrik | No Comments »
26. November 2007
Vielleicht kennt ihr die beiden Obststände an der U-Bahn Haltestelle Universität in München. Am Samstagmorgen stand ich vor den beiden Läden und diese Zeilen sind mir eingefallen:
Blau/weiß sind die beiden nassgeregneten Obststände
Blau/weiß wie der Himmel über Bayern
Doch heute regnet es
Didi pfeift wie jeden Tag
Seine Frau gegenüber, nur die breite Straße zwischen ihnen
Ihre blonden Haare blinken aus dem tiefblauen Schatten der Kunststoffplanen
Manchmal treffen sich ihre Blicke:
„Geht es gut, was macht das Geschäft?“
Die Kunden sind heute morgen noch rar,
Regenwasser sammelt sich am Fuß des Standes,
der Himmel ist dunkel,
Doch Didi pfeift
Posted in Lyrik | No Comments »
25. November 2007
Was wäre wenn,
die blumen dieser welt ab morgen nicht mehr blühen würden,
keine rose, kein orchidee,
alles bliebe verschlossen
kein duft und keine farben mehr.
Nur die kinder dieser welt wüssten warum
denn sie verstanden die sprache der blumen noch.
Die sonne selbst wollte nicht mehr scheinen
sprachen sie
Da gaben wir uns als unterpfand um euch zu warnen.
Denn wir blumen sind die mittler zwischen der sonne und den menschen.
Doch die eltern glaubten ihren kindern nicht.
Darum blieb die erde von diesem tag an ohne blüten.
Keine tulpen, kein sonnenblumenmeer
Dann sprach die sonne zu den blumen
Ihr seid mutig, doch ihr habt versagt!
Was wäre wenn,
Posted in Lyrik | No Comments »
25. November 2007
Delhi zu überleben ist wie Eistauchen. Wenn man diese Stadt mit ihren 16 Millionen Einwohnern, ihren 4 Millionen zugelassenen Fahrzeugen und ihren 7 Millionen streunenden Hunden überlebt hat, kann einen nichts mehr erschüttern. Jede andere Ort, oder jede neue potentielle Heimat, wird im Vergleich einfach sein. Man hat Delhi ins Angesicht geschaut und diese Stadt dazu gebracht den Blick zu senken.
Es ist wie beim Eistauchen. Wenn man sich mit der Hacke oder einem heißen Topf ein Loch in den Eispanzer gebohrt oder geschmolzen hat und langsam in das 0 Grad kalte Wasser gestiegen ist, weiß man, dass man niemals in seinem Leben noch kälteres Wasser aushalten muss. Kaltes Wasser hat als solches seinen Schrecken verloren. Und nach dem Eistauchen in Delhi, kann einen keine Riesenmetropole, kein hektisches, verschmutztes Moloch auf der ganzen Welt mehr schocken.
Es ist wie eine Läuterung, eine Taufe, eine Taufe mit Eiswasser.
Posted in Reisen | 1 Comment »
23. November 2007
Ich habe einen Ring mit 100 Schlüsseln
und keine Türen die sie aufschließen
Ich trinke Whiskey am Morgen und Kaffee in der Nacht
Ich schweige mit meinen Freunden und rede mit mir selbst
Ich habe so viel Liebe und liebe doch nur mich selbst
Posted in Lyrik | 1 Comment »
22. November 2007
03.08.2005
Von weitem sieht man schon die vielen Raubvögel über dem Lodi Garden kreisen. Gleich nebenan befindet sich das Ausbildungscenter für indische Luftwaffenpiloten.
„Take the challenge“ ist der markige Werbespruch. Auf den Parkplätzen der nahen Uni stehen die Fahrzeuge der Studenten. Die Fahrer schlafen in den Wagen oder spielen Karten auf dem schmutzigen Seitenstreifen. Als Unterlagen dienen ausgelesene Tagezeitungen. Immer wieder bieten kleine fahrbare Stände Fresh Lime Soda und ausgebackenen Kartoffelgerichte an. Mitten drin thront das gewaltige „Indian Habitat Center“. Eine luftige, futuristische Architektur. Verbindungsgänge zwischen den Gebäuden in luftigen Höhen. Vögel nisten hier, ein Schwarm Papageien zeigt ihre Luftkunststücke, Wasserfontänen spenden Kühle und Bänke aus rotem Sandstein bieten schattige Plätze zur Rast.
Ich habe mich an die vielen Blicke gewöhnt und nehme sie nicht mehr als Belästigung wahr. Allmählich bekomme ich die Ausstrahlung eines Residents. Ich begebe mich in die 18 Grad eines Diners im US Stil. Eine ziemlich gelungen Kopie wie ich finde. An den Wänden hängen die Emailleschilder mit skurriler Werbung aus den 50er Jahren. Die Allmachtsgefühle der Amerikaner haben mit Edelstahl, rotem Leder und pinkfarbenen Neonschriftzügen einen ganz eigenständigen Stil geschaffen, der bis nach Indien des Jahres 2005 wirkt. Aus der Wurlitzerjukebox klingt Bill Haleys „Rock around the clock“. Mir fällt das Radiofeature ein, wo berichtet wurde, dass er völlig verarmt und depressiv Anfang der 80er Jahre verstarb. Er ging in Bars und schaute die anderen Gäste so lange an, bis sie fragten: “Sind sie nicht…” Aber die Menschen die ihn so erkannten, wurden auch immer weniger. Direkt neben mir ist eine Elvis-Uhr auf dem sein Unterleib “The Pelvis” im Takt hin und her schwingt. Der gute, alte Elvis. Das geilste in seiner reichen Lebensgeschichte ist für mich immer noch die Tatsache, dass dieses globale Phänomen niemals außerhalb der USA aufgetreten ist. Wäre er noch größer geworden wenn er beispielsweise nach UK gegangen wäre und den Beatles gezeigt hätte wo der Rock ‘n’ Roll Hammer hängt?
Die Kälte der Klimaanlage lässt die Kleidung schnell trocken. Nur mein lederner Brustbeutel zeigt große Schweißflecken, die einfach nicht trocknen wollen. “Hippy, Hippy, Shake, Shake” und ein Sikh mit einem naturfarbenen Turban kommt ins Dinner. Im Hintergrund das Zischen und Kreischen der Espressomaschine. Ich bestelle mir noch eine “Caffe Latte”. Noch eine Brücke zwischen den Kulturen. Bevor der Starbucksgründer Howard Schultz die Errungenschaften der Italiener in seine Heimat und dann in die ganze Welt transportierte, kannten die Amis nur eine dürre Plörre, die sie aber in rauen Mengen ausschenkten. Dank dieses Herrn aus Brooklyn gibt es jetzt auch in Delhi einen erstklassigen Kaffee. In mein Mineralwasser schütte ich etwas Salz, wegen der Elektrolyte und so…
Posted in Reisen | 1 Comment »
10. November 2007
Ich habe gerade in der Bhagavad Gita,
einer der zentralen Texte des Hinduismus,
einen schönen Gedanken gefunden, den ich mit Euch teilen möchte:
Man muß sich selbst durch das Selbst emporheben
und darf sich nicht selbst herabsinken lassen.
Denn das Selbst allein kann einem selbst Freund sein,
und man selbst allein kann sich selbst Feind sein.
Wer sich selbst durch das Selbst überwunden hat,
ist zu seinem eigenen Freund geworden.
Wer sich aber nicht selbst überwunden hat,
ist in Feindschaft mit sich selbst, wie ein Feind.
Wer sich selbst überwunden und befriedet hat.
ist im Höchsten Selbst gesammelt,
in Kälte und Hitze, in Lust und Leid,
in Ehre und Unehre.
Posted in Kolumne | No Comments »
10. November 2007
Habe gerade im Magazin der Süddeutschen Zeitung eine Geschichte über den Geruch von Büchern gelesen. Es immer wieder schön, wenn man merkt, dass man nicht alleine mit seinen merkwürdigen Empfindungen ist, denn auch ich liebe den Geruch von Büchern! Die Neuen mit dem flüchtigen toluolhaltigen Dämpfen (Schnüffelkind, aahh, herrlich). Dann gibt es die Mittelalten, die duften eigentlich nach gar nichts. Auch wenn man seine Nase ganz dicht an die Seiten heftet, kommt nichts außer ganz leichtem Holzdampf.
Am besten sind natürlich die alten Schätze, die jahrelangen, jahrzehntelangen Freunde. Ward Ihr schon mal in einem richtigen Antiquariat? Da haut es einen manchmal fast um. In der Schellingstraße in München, gibt es einen wunderbaren Laden. Hier ist die Luft durchtränkt von vielen Tausend Bänden gewichtiger Bücher. Sie atmen, unterhalten sich, schmunzeln über das Leben.
Ich habe auch ein paar ältere Exemplare in meiner Sammlung. Man kann erkennen, dass ich sie oft gelesen, mit ihnen Nächte durchwacht habe. An manchen kleben auch Reste meiner Existenz, ob nun als Eselsohren, oder als Kaffeefleck.
Man hat mit ihnen sein Leben geteilt, gelacht, geweint, gestöhnt, geflucht, geliebt.
Posted in Kolumne | No Comments »